Feuchtfröhliches Gespräch aus gegebenem Anlass
Am 11. April, genau 70 Jahre und einen Tag nach der Volksabstimmung, mit der sich die österreichische Bevölkerung zu 99,73% für einen Anschluss an Nazi-Deutschland entschieden hat, kamen ein Journalist, nennen wir ihn Walter S., und ein Student der Politikwissenschaften, hier Gerhard P., im hoffnungslos überfüllten Charly P’s ins Gespräch über ihre Großväter.
Ungleiches vereint: die Großväter
Gerhard erzählte zunächst mit Stolz und großem Respekt von Seinem, Herrn P., der zur Minderheit der Widerstandsbewegung zählte. Auch bedingt durch sein Studium kennt er seine Geschichte und Einstellung gut. Die Rolle von Walters Großvater konnte bei weitem nicht so klar behandelt werden. Nicht nur wegen dem hohen Bierkonsum, sondern auch weil die Gespräche zwischen Herrn S. und seinem Enkel lange zurücklagen. Und sie auf Initiative des Großvaters geführt wurden, der nun mal nur erzählte, was ihm als zu erzählen relevant beziehungsweise notwendig erschien, um zu übermitteln, was er übermitteln wollte. Sie versuchten es dennoch.
Herr S. war Sudetendeutscher. Aufgewachsen ist er in einer Winzerfamilie in Bratislava, bis er sich mit 18 Jahren, also um 1944-45 dazu entschloss, für Deutschland in den Krieg zu ziehen. Er diente in den SS-Totenkopfverbänden. Das waren doch recht schlimme Finger, eine Spezialeinheit der Waffen-SS.
Dass er durch seine slawischen Sprachkenntnisse unter anderem auch als Dolmetscher tätig war, kann das nicht so sehr relativieren wie vielleicht seine Jugend. Mit der späten Ardennenoffensive überlebte er seinen letzten Einsatz an der Front.
Als Deutschland den Krieg verloren hatte, entschied er sich dazu, nicht die tschechoslowakische, sondern die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, was ein Nachspiel haben sollte. Später, nachdem es gegründet war, versuchte er sein Glück in Österreich. Nach Ende des Krieges startete der damals 20-Jährige dort eine erfolgreiche Unternehmerkarriere.
Soweit die Geschichte des Herrn S. Walters Großvater muss also überzeugter Nazi gewesen sein. Ob man das einem 18-Jährigen entschuldigen darf, sei dahingestellt.
Gerhard fand die Tatsache brisant, dass Herr S. die Beneš-Dekrete angesichts seiner Kriegsvergangenheit immer noch anzukämpfen versucht, im Alter von mehr als 80 Jahren.
- Immer noch hofft er auf die Rückgabe der Weinfelder, die ihm seiner Meinung nach als Erben rechtmäßig zustünden. (Keine Chance, so Gerhard. Es sei denn, er hätte sich damals für die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft entschieden.)
- Außerdem fragt sich Gerhard, wie Herr S. sich für die Nazi-Ideologie begeistern konnte, obwohl er gleichzeitig slawische Sprachen beherrschte, und mit den anderssprachigen Menschen aufgewachsen war?
- Sich für die deutsche Staatsbürgerschaft zu entscheiden, und nun die Rückgabe von Weinbergen zu fordern?
Auch Walter ist verwirrt, da er die Gründe für die Entscheidungen seines Großvaters nicht kennt.
Gerhard argumentiert überzeugend wie es sein Großvater Herr P. nach dem Krieg getan hat: Ist es nicht Zeit, los zu lassen? Hat Herr S. als Kriegsverlierer, als Mitglied der Waffen-SS nicht in Wahrheit ein recht gutes Los gezogen, als er die Chance bekam, sich in einem neuen Heimatland ein neues Leben aufzubauen? Haben nicht sehr viele andere Menschen in dieser schrecklichen Zeit sehr viel mehr verloren als ein paar Hektar Weinberge?
Hier endete das Gespräch im Wesentlichen, mit dem Entschluss Walters, seinen Großvater demnächst zur Rede zu stellen.

Das geht uns nichts an!
So befasst sich Gerhards und Walters, unsere, meine Generation also mit der Vergangenheit ihrer Großeltern. Und das ist sehr wichtig. Das Argument, diese, meine Generation hätte mit dem Krieg nichts zu tun, also ginge er uns nichts an, ist ein falsches Argument. Dieses Argument ist nicht mehr als eine Schuldabweisung, die nicht angebracht ist.
Das ist wichtig zu differenzieren: Niemand braucht sich für etwas zu schämen, was er nie getan hat. Keiner, der den Krieg nicht erlebt hat, hat in diesem Fall Vergangenheit zu bewältigen. Vergangenheit bewältigen kann man nur die eigene.
Aber das Geschehene zu vergessen, wäre einer der größten Fehler, die wir begehen könnten.
Das Wichtigste was uns diese Zeit zeigt ist dass die, die sich damals dazu entschlossen den Ideologien der NSDAP zu folgen, Menschen wie wir alle sind. Menschen, die ein Teil unserer Familien sind, die wir im besten Fall lieben.
Wenn wir nur diese Tatsache nicht vergessen, haben wir schon gewonnen, weil sie zeigt dass jeder Generation, einschließlich unserer eigenen dasselbe passieren könnte.
Wenn wir vergessen.
Erinnerung, nicht Unterhaltung
Und wenn wir schon dabei sind, nicht zu vergessen: Wir dürfen uns nicht mit mit dieser Zeit auseinander setzen, wie es die meisten Medien tun, nämlich im Schongang: Es gab diesen bösen Hitler, der die Menschen wie der Rattenfänger von Hameln ins Verderben stieß. Es gab Gaskammern, gab Millionen von Opfern.
Das reicht nicht. Das ist zu wenig. Das Wichtigste, das Gefährlichste ist das, was alles zusammen hielt: die Ideologie dahinter. Wenn die Ideologie, die all dieses Grauen verband und wirken ließ, die alles zusammen hielt, nicht thematisiert wird, kann der Schrecken dieser Zeit niemals vollständig entlarvt werden.
Man sollte sich vor Augen halten, dass es unsere Vorfahren waren, unser Großväter und Großmütter, die Väter und Mütter unserer Eltern, die mit uns am Sonntag spazieren gingen, mit uns zu Mittag aßen oder immer noch essen, zu Weihnachten mit uns Lieder singen, die mit uns als Kinder in die Kirche gingen.
Dass sie es waren, die sich für die allen überlegene Rasse hielten. Ihnen gefiel der Gedanke daran, anderen Rassen überlegen zu sein, und deshalb das Recht zu haben, über sie herrschen zu können. Sie für Experimente zu missbrauchen. Sie zu ermorden. Sie zu foltern. Sie auszurotten wie Ungeziefer. Minderwertige Menschen. Minderwertiges Leben.
Der überwiegende Teil, 99,73% aller Österreicher (gut, nicht alle durften wählen) stimmte mit „Ja“ auf dem Wahlzettel diesen Ideen zu. Erhoben sich mit dem Entschluss zum Anschluss selbst zur überlegenen Menschenrasse. Sicher ist mit Bedrohung und Propaganda viel zu erreichen. Doch genau das ist ja das Gefährliche auch für uns.
Wenn wir uns das nicht klar machen, laufen wir Gefahr, diese Vergangenheit zu verharmlosen als einen Krieg wie jeder andere.
Wir können nichts für unsere Großeltern
Dazu müssen wir uns aber nicht (zumindest in diesem speziellen Zusammenhang) mit den familiären und subjektiven Einzelgeschichten auseinandersetzen, denn das wäre unvermeidlich emotional geprägt. Natürlich glauben wir gerne die Geschichten, die unsere Großeltern erzählen. Wir können ihre Gründe, ihre Art zu leben gut nachvollziehen. Es gibt tausend Geschichten, und Begründungen, die man uns erzählen kann.
Es geht aber um die eine, allgemeine, große Wahrheit, der wir uns stellen müssen: Diese Generation hat sich für Hitler entschieden. Und daher, weil dies eben geschehen ist, und wir die Individuen dennoch verstehen können, müssen wir uns ebenfalls mit diesen Ideologien auseinander setzen. Wir können nur verhindern, wieder auf so etwas reinzufallen, wenn wir uns argumentativ damit befassen. Unsere Werte klarstellen. Wofür stehen wir? Was ist ethisches Verhalten? Woran glauben wir und warum?
So können wir verhindern uns in ähnliche Situationen zu treiben, wie es diese Großelterngeneration kollektiv getan hat.
Wenn wir verabsäumen, dies zu tun, werden wir auch die soziale Brandmarkung nicht überwinden können, die selbst durch die Verschwiegenheit zweier Generationen immer noch wirksam ist, auf seltsame Weise.
Man darf sich nicht aufgrund einer Vergangenheit reinwaschen, die man selbst nicht erlebt hat. Genauso wie man sich ihr nicht schuldig fühlen darf.
Weil ein Kind auch niemand verurteilt , wenn es einen Menschen trotz seiner politischen Einstellung liebt.
P.S. Im Gegensatz zu den Personen, die hinter ihnen stehen, sind ihre Namen in diesem Text frei erfunden, wozu ich mich nach langen Überlegen entschloss, da ich auf die Zustimmung zur Veröffentlichung ihrer Geschichten nicht angewiesen sein wollte. Dies ist ein Kompromiss, denn mir ist natürlich bewusst, dass die Namensänderung der weiteren Entschleierung der Vergangenheit nicht dienlich ist.